Anmerkungen zum Ende des Autonomen Kulturzentrums Würzburg

Vom Ende einer Notlüge

Das Autonome Kulturzentrum Würzburg hat Insolvenz angemeldet. Jeder halbwegs klar denkende
Mensch wusste bereits seit ein paar Jahren, dass der Patient seit langem im Wachkoma lag und dass die einzigen Menschen, die es künstlich am Leben hielten, entweder wohlwollende Ärzte des städtischen Kultursanatoriums, oder hoffnungslose alt-linke Verwandte waren. Trotzdem wird Vielen erst jetzt die historische Tragweite des Scheiterns des Konzeptes Sozio-Kultur bewusst werden. Wir betrachten den Tod des AKWs sowohl als endgültiges Verstummen des autonom-linken Nachhalls, als auch als Tabula Rasa kritischer Interventionen in Würzburg.

Geschichte und Nicht-Geschichte

Die Geschichte des Autonomen Kulturzentrums ist auch gleichzeitig seine Nicht-Geschichte. Es gibt tausende Menschen, die im AKW irgendwann entweder Veranstaltungen organisierten, arbeiteten, Vorstand waren oder sich in dessen Umfeld bewegten. Und mit jedem Wechsel von „Führungspositionen“ verschwand auch Stück für Stück die Erinnerung daran, für was das Autonome Kulturzentrum einst (ent-)stand. Ohne die Überzeugung, das dieser Ort kein anderes Café Cairo, nicht die kleineren Posthallen oder ein schmuddeligeres Labyrinth sein sollte, konnte das AKW zu nichts anderem werden als zu einem Kulturzentrum, dem die Stadt gut gemeintes Wohlwollen entgegenbringt. Ein AKW, das sowohl programmatisch als auch ideell in der gleichen Liga wie die städtischen Kulturzentren spielen will, musste am Ende den Kürzeren ziehen: Denn diese waren dem AKW sowohl organisatorisch als auch finanziell uneinholbar überlegen.
Wir haben niemanden im AKW kennen gelernt, der sich in den letzten Jahren die Mühe machte, das AKW als kritischen Raum mit den Ideen und Konfliktlinien der Vergangenheit zu tapezieren. Soll heißen: Was sich im AKW der achtziger und neunziger Jahre abgespielt hat, was in der Vereinssatzung steht und welche Idee hinter der Struktur des Kulturzentrums steckt, dafür interessierte sich niemand. Genau diese Einstellung wurde dem Kulturzentrum letztendlich zum Verhängnis. Das AKW ist nicht gestorben, weil die Veranstaltungen zu schlecht waren oder zu wenig Werbung gemacht wurde, sondern es ging an seinem Streben nach Professionalität und Anerkennung zugrunde.

Der Sieg der SozialpädagogInnen

Die Niederlage des AKW ist zugleich der Sieg der SozialpädagogInnen. Auf lange Sicht könnte man sagen: Die Stadt hat alles richtig gemacht mit ihrer Entscheidung, dem AKW ein Gelände an der Stadtgrenze zur Verfügung zu stellen. Alle schienen am Anfang der Neunziger zufrieden: Die Linken hatten ein großes Areal, die Stadt alias CTW vermietete es und die Würzburger Hofbräu machte mit der alternativen Szene ein gutes Geschäft. Die AktivistInnen richteten sich ihr AKW! häuslich ein und machten sich schnell daran, die Schulden abzubauen. Doch die Widersprüche, in denen sich das Umfeld des AKWs bewegte, waren den wenigsten Aktiven bewusst: Denn der Linken kam der Gegner abhanden, sie wurde selbst Staat. Der Marsch durch die Institutionen brachte die einstigen GenossInnen in den Stadtrat, in die Verwaltung und an die rot-grüne Regierung. Nicht umsonst schrieb man schon Mitte der neunziger Jahre, dass das AKW ein „Transmissionsriemen für die bürgerliche Gesellschaft“ sei, sozusagen eine kleine Generalprobe für das Hineinwachsen in den großen deutschen Staat. Vielen sozio-kulturellen Zentren in Deutschland widerfuhr ein ähnliches Schicksal. Es gab zwei Strategien, mit der Krise linker Sozio-Kultur umzugehen: entweder man schmiegte sich an die städtische Kultur an oder man radikalisierte sich. Nur wenige Kulturzentren in Deutschland schafften es, den Widerspruch zwischen Subversion und Staat auszuhalten. Im AKW versuchte man dies lange Zeit, bis die linksradikale Politfraktion mit den Brüchen von 2001-2005 verschwand. Der kleine Haufen, der bis zum Jahre 2008 im Infoladen verharrte, wurde von da an für nichts anderes gehalten
als für einen atavistischen Personenzusammenhang aus der Urzeit.
Die Linie, die spätestens seit 2004 verfolgt wurde, denn spätestens seitdem glaubte man, sich mit städtischen Jugendzentren und kommerziellen Diskotheken messen zu müssen, ist letztendlich der Sieg der SozialpädagogInnen: Denn das AKW wurde zu nichts anderem als zu einem beschäftigungstherapeutischer Ort für frustrierte Jugendliche. Je mehr das Programm städtischen Einrichtungen glich, und je mehr die VeranstalterInnen und Aktiven im AKW nicht mehr wussten, was denn das AKW von städtischer Jugendkultur unterscheiden soll, desto weniger Existenzberechtigung bescheinigten die alten MitstreiterInnen dem Kulturzentrum. Doch umso mehr Interesse hatte der Gläubiger namens Stadt Würzburg daran, das AKW zu erhalten, was die Fast-Pleite im Jahre 2006 verdeutlichte. Das AKW war ein harmloser, langweiliger Ort geworden, das einzig vom Ruf des einstigen rebellischen Zentrums lebte.

Die Niederlage der Linken

Die Geschichte des AKWs kann nicht ohne die Brüche in der radikalen Linken begriffen werden. Denn mit den Umbrüchen von 89/90 brach bekanntlich auch das Koordinatensystem linker Politik zusammen. Die eine Seite der Linken in Deutschland bemühte sich von da an, selbst Staat zu werden. Damit einher ging eine Rennaisance von überwunden geglaubten lassal’schen oder leninistischen Staatskonzeptionen, die den Staat als naturgegebene Einheit der Organisation betrachten, der nur mit dem richtigen, linken Inhalt zu füllen sei, und alles werde gut. Die Gründung der Linkspartei und das Aufgehen eines großen Teils der Friedensbewegten und der kommunistischen Splitterparteien in diese ist der vorläufige Abschluss der freiwilligen Identifikation mit staatlicher Herrschaft.
Die andere Seite, hervorgegangen aus der klassischen autonomen Bewegung der 80er Jahre, versuchte sich über die Notlösung Antifaschismus aus der Affäre zu ziehen. Damit einher ging der Versuch, sich nicht nur gegen neonazistische Angriffe zur Wehr zu setzen, sondern mit der Kritik an der deutschen Nation aufs Ganze zu gehen. Antifa-Politik stellte lange Zeit auch im AKW die letzten Reste einer antistaatlichen autonomen Restvernunft dar. Doch im Antifa-Spektrum der BRD zeigte sich, dass die meisten Gruppen scheinbar nicht fähig waren, die Kritik an Kapitalismus, Staat und deutscher Ideologie auf die Höhe des 21.
Jahrhunderts zu hieven. Denn einerseits vergaß der autonome Antifaschismus bei der Fixierung auf den Feind in Form des Neonazismus, dass es nicht nur darum ging, die Deutschen vor sich selbst zu schützen, sondern die deutsche Ideologie anzugreifen. Gerade für Würzburger AntifaschistInnen wurde dies zum Problem: Es gibt seit langer Zeit keine offensiv in Erscheinung tretende Neonazis-Szene mehr in dieser Stadt. Daher brach auch der Kitt der Postautonomen in Form des autonomen Antifaschismus auseinander. Andererseits war das Antifa-Spektrum als ganzes nicht fähig, das Koordinatensystem der alten Linken zu verlassen. Dies zeigen die Brüche im Nahost-Konflikt, das von einigen VertreterInnen der Antifa mit der Folie des klassischen „Antiimperialismus“, der Ideologie der Volksbefreiung und des Antizionismus, gesehen wurde und wird. Der Bruch zwischen ideologiekritischen Antinationalen und AntiimperialistInnen zog sich letztenendes durch das gesamte Spektrum der Autonomen Antifa in Deutschland. Gerade in Würzburg wurde dieser Streit heftig ausgetragen zwischen den beiden Lagern Attac/Friedensbündnis/Rote Antifa und Autonome Antifa Würzburg/Infoladen. Die Brüche im antinationalen bzw. antideutschen Spektrum der BRD gingen aber noch weiter: Einige ProtagonistInnen avancierten zu Jungliberalen und schafften letztendlich doch die Versöhnung mit der Realpolitik. Der andere Teil, der es mit der Kritik an deutscher Ideologie und Wertverwertung ernst meint, beschränkt sich auf wenige postautonome Hochburgen, Antifa-Gruppen, ein paar schlauer gewordene Anarchozirkel, einzelne RätekommunistInnen oder einsame Kritikzirkel.
Mit dem Ende der Linken als historisches Projekt und der autonomen Linken im Speziellen hatte auch das AKW zu kämpfen. Denn wo es keine linke Bewegung gibt, da gibt es auch keine Besucherströme in ein linkes Zentrum. Die periphere Lage Würzburgs ließ den Kreis derer, die fähig waren, ein kritisches Programm für das AKW auf der Höhe der Zeit zu entwerfen, beträchtlich kleiner werden. Da die Linke selbst Staat wurde, wurde es für diejenigen, die das AKW! schon immer gerne als ganz normale Kulturklitsche sehen wollten, leichter, die linksradikalen „PolitspinnerInnen“ ins abseits zu drängen. Im Nachhinein hat sich das Nicht-Bewusstsein des kritischen Potentials als fataler Fehler und als Besiegelung des Endes herausgestellt.

Es gab nichts mehr zu retten, gar nichts!

Zwei Ereignisse in den letzten Jahren verleiteten viele Menschen, auch diejenigen von uns, die sich damals für die Infoladengruppe engagierten, zu falschen Hoffnungen. Erst im Nachhinein wurde uns klar, das im AKW Seit Jahren nichts mehr zu retten war.
Zum einen bildete man sich mit dem Wechsel des Vorstands 2006 ein, auch die Kritik in das AKW zurückholen zu können. Doch einerseits war das AKW bereits damals so hoffnungslos heruntergewirtschaftet, dass kaum Spielraum bestand für einen radikalen Umbruch in der Programmatik. Andererseits verstand es die AKW-Führung bis 2006, diejenigen, die sich noch an den ursprünglichen Sinn des Kulturzentrums erinnern konnten, rigoros zu vergraulen. So kam es, das die Mitarbeiterschaft `06 zum größten Teil nicht mehr dazu fähig war, im AKW etwas anderes zu sehen als einen netten Ort zur Studienfinanzierung.
Das zweite Ereignis, das einige wieder hoffen ließ, war die Umstellung auf reinen ehrenamtlichen Betrieb im Sommer 2007. Doch auch diese Hoffnung wurde im Keim erstickt: Im AKW engagierte sich, bis auf Ausnahmen, die man an einer Hand abzählen konnte, niemand mehr, der dem vergangenen kritischen Potential des AKWs etwas abgewinnen konnte oder das linke Koordinatensystem des 20.Jahrhunderts verlassen hatte. Ganz im Gegenteil war ein großer Teil der Leute, die sich bis zu seinem Untergang an der Aufrechterhaltung der lebenserhaltenden Vorgänge beteiligten, mit einer Attitüde ausgestattet, die die Welt noch immer durch die rosarote Brille der Hippies betrachtete . Es gab kaum den Schein eines Abgrenzungsbedürfnisses zu irgendwem, alles sollte Diskurs sein, alles glattgebügelt werden und im Wir-Gefühl des AKWs aufgehen. Besonders deutlich wurde diese Hülle eines Autonomen Zentrums ohne Inhalt während der EM 2008, als man dem deutschen Freudentaumel nicht widersprechen wollte.
Für uns war spätestens zu diesem Zeitpunkt Schluss. Eine schimmelige Hütte wie den Infoladen kann man sich auch woanders anmieten. Es gab keine Schnittmengen zwischen der Mitarbeiterschaft und uns mehr. Die Idee, dass das AKW! Mehr sein kann als ein Ort zur StudentInnenbelustigung, haben wir damals verworfen und haben leider erst im Nachhinein festgestellt, dass das AKW, als Autonomes Kulturzentrum, das seinen Namen ernst nimmt, nicht im Jahre 2009 verstarb, sondern bereits in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts.
Beispielhaft dafür, dass das AKW zu nichts mehr eine Meinung hat und mit niemandem mehr kommunizieren möchte, außer mit seinen Gläubigern, ist sein ruhmloses Ende. Seit Monaten hörte man nichts Gutes vom AKW!, aber niemand der Aktiven hatte anscheinend noch die Energie, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Vielleicht ist aber die Normalisierung des Kulturzentrums schon so weit fortgeschritten, das nur die alten „PolitspinnerInnen“ sich bewusst werden, dass mit dem Ende des AKWs auch eine Idee für immer gestorben ist. Der große Rest der irgendwie alternativ fühlenden WürzburgerInnen wird den Tod des AKWs zwar bedauern, aber auch nicht sonderlich mehr als das Ende einer anderen Diskothek- und das höchstwahrscheinlich mit gutem Grund.

Keine Tipps!

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Fehler von einem Viertel Jahrhundert AKW su analysieren. Dies würde erstens den Rahmen eines Flugblatts sprengen und zweitens unserer Intention von Kritik und Verstörung des großen Ganzen nicht gerecht werden. Da jedoch der Personenzusammenhang der linken AKWler schlichtweg seit Jahren nicht mehr existiert, ist es doch an uns, einige Fragen aufzuwerfen, die sich in der Zukunft stellen werden.
Im Rückblick erscheint uns das Vorhaben, auf einem solch großen Gelände ein Autonomes Zentrum aufzubauen, als überheblich, fast als wahnsinnig. Nach dem Ende der Linken als historisches Projekt, geschweige denn der Linksradikalen, wird es höchstwahrscheinlich schwer wieder möglich sein, ein solch großes Areal zu unterhalten.
Zum anderen trug die Tatsache, dass Leute im AKW! ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, einen großen Teil dazu bei, dass man sich Gedanken darüber machen musste, ein ganz normaler Diskobetrieb zu werden, um den Mainstream anzulocken. Es zukünftiges Zentrum wird durch unbezahlte Arbeit betrieben werden müssen, oder es wird gar nicht betrieben werden.
Des Weiteren war es ein Fehler, möglichst alle Menschen, die sich irgendwie alternativ fühlten, mit ins Boot zu holen. Gerade in peripheren Gegenden wie Würzburg fehlte nach dem Zusammenbruch der klassischen linken Szene das Bewusstsein für das subversive Potential des AKWs. Sollte noch einmal der Versuch unternommen werden, einen neuen „Freiraum“ zu errichten, so sollte dieser besser von einer kleineren Gruppe, die weiß, was sie will, und insbesondere, was sie nicht will, als von ist einer möglichst großen Zahl von Leuten, die nichts teilen, außer den blinden Aktionismus, getragen werden. Ansonsten wird es schwer wieder möglich sein, einen Ort mit kritischem Potential zu schaffen und aufrecht zu erhalten.
Zu guter Letzt muss man in Zukunft wissen, wann Schluss ist, wann eine Idee verbraucht ist. Es darf nicht wieder vorkommen, dass eine Hülle eines Autonomen Zentrums ohne Inhalt jahrelang im Meer der kulturellen Beliebigkeit treibt. Mann muss den Mut haben, Schluss zu machen mit einem alternativen Projekt, wenn man bemerkt, dass es nicht mehr aufgrund der ursprünglichen Idee betrieben wird, sondern nur zur Fínanzierung des Lebensunterhaltes.

Tabula Rasa

Der Tod des bisherigen AKWs macht nichts besser oder schlechter, aber er unterstreicht die unerträgliche Langeweile so genannter Kultur und so genannter Politik in dieser Stadt. Ab jetzt gibt es nichts
mehr außer städtischer Jugendkultur und kommerzieller Diskokultur. Niemand kann sich mehr selbst belügen, dass es dahinten in der Zellerau noch das gute alte linke AKW gebe, das das
Spiel kultureller Standortpolitik nicht mitspiele. Und jede und jeder muss sich entscheiden , ob man noch einmal im Kleinen die Generalprobe für das große Staatsein simulieren will, oder ob
man fähig ist, die Kritik, den Abscheu gegenüber der Herrschaft, zuzuspitzen.

In Würzburg kommt vieles ein wenig später an- und jedem und jeder muss genau jetzt bewusst sein, dass sowohl das Konzept der linken sozio-kulturellen Zentren als auch die klassische autonome Linke der Vergangenheit angehören. Nie zuvor war genau deshalb die Chance größer, etwas ganz Neues zu entwerfen, das nicht ins klassische Koordinatensystem der kulturbewegten Linken passt. Ob irgendjemand in dieser Stadt dazu fähig sein wird, muss sich zeigen. Für uns jedenfalls ist der Würzburger Konsens, was den Begriff von Kultur betrifft und dessen Logik nahezu alle zu folgen scheinen, unerträglich.

Die kommunistische Revolution wird umso dringender, je weiter ihre Verwirklichung in die Ferne rückt. Das Projekt der Vernunft ist ein unvollendetes Projekt, das staatlicher Herrschaft diametral
gegenüber steht. Wir werden uns alle Mühe geben, den Gedanken an eine mögliche Gesellschaft, die nicht mehr in kapitalistischen Kategorien denkt, aufrecht zu erhalten.

Mit dem Ende des AKWs wie wir es kennen verschwindet auch eine große Notlüge. Was- und ob überhaupt etwas- danach entstehen kann, das eine radikale Kritik in sich birgt, wird sich zeigen. Die Gruppe ExIL ist jedenfalls zu allerlei Sticheleien und Verstörungen bereit.

Gruppe exIL